remissierte Rekonvaleszenz (1. Nacht …)

Mittwoch, 15. Juli 2009 | 18:01 | ghost

… aus dem Leben eines verkorksten Hosentaschenphilosophen.

Ich bin grade online und lese Bild.
“Tzz… Novela wer braucht denn so was?”
” … ach die Arme. Kopf hoch wird schon wieder…” entfährt es mir bedingt mitleidig.
Ich lass den Rechner weiter laufen, werfe mir eine Jacke über und gehe in das Lokal gegenüber.
“Nicht gerade voll hier, aber wer geht schon um halb 10 auf ein Bierchen in diese Pinte. Ich glaub ich bestell mir was zu essen; es sieht alles so aufgeräumt aus.”
Die Barhocker stehen gewunden in einer Linie, als würden sie sich gleich durch die große Scheibe schlängeln, wie eine klappernde Boa. Ich greife nach der Karte.
“Warum eigentlich?”
Die geschnörkelten Blumen aus dem Kartenrand verschmelzen geschmeidig mit der Schrift der Speisen und Getränke. Als ich den Kopf in die Karte gesteckt habe, höre ich Schritte näher kommen. Ich hebe den Kopf.
“Hm, kenn ich gar nicht!”
“Was darf ich dir bringen?” erklingt eine angenehme Stimme.
“Wo kommt denn die her?” denk ich weiter.
Ich mustere sie von oben bis unten.
“Blond nicht mein Fall, aber ein faszinierendes Lächeln.” stelle ich aus den Augenwinkeln fest.
“Bitte?”
“Getränk, Essen?”
“So, kann man hier was essen. Toll!” ein kurzer verschmitzter Blick in ihre Richtung.
“Ja, durchaus!” ihre Augen weiten sich.
“Schön grün… wie eine Wiese in die man einbricht, weil es keine Wiese ist sondern ein bewachsenes Moor. Schon komisch wie geduldig sie dasteht.” denke und mustere ich.
Ganz unverblümt starre ich sie an und warte darauf jeden Moment einzubrechen.
“Vielleicht ein Getränk?” ihre Lippen bewegen sich melodisch
“Ja, mein Essen, das ich noch nicht kenne macht bestimmt durstig. Oder würzt der Koch nicht gut?” antworte ich bewusst umständlich.
Das Essen hier ist recht lecker und die Burger zählen zu meiner Leibspeise; schön mit Chili dran.
“Ob sie da wohl draufkommt, dass ich total auf die Burger stehe?” überlege ich mir und meine Augen bleiben an ihrer Oberweite hängen.
“Hm, kommt wohl drauf an was dem Koch heute schon so alles widerfahren ist.” antwortet sie mit einem Lächeln.
“Ach und was ist dir heute widerfahren, ich hoffe nur Gutes.”
“Bedingt, ich war heute mit meiner Katze beim Tierarzt.”
“Und?” ich schaue wieder in die Untiefen ihrer grünen Augen
“Na ja, das Alter. Du weißt schon, mit jedem Jahr kommt ein Gebrechen mehr.”
“Tja, ich kann dir ein Lied davon singen. Bei mir kommen die nie alleine.” antworte ich mit einem mitleidigen Gesichtsausdruck.
Die Beleuchtung der Straße schwimmt zerrissen auf der Fensterscheibe. Die Tür wird aufgerissen und drei junge Leute stürmen durchnässt herein.
“Scheiß Wetter, wird wohl nichts mit der Sauftour.” sagt der erste der reinkommt.
Sie dreht sich kurz um und schaut mich dann wieder an.
“Wie lautet die Bestellung?” hakt sie nach.
“Wie lautet die Empfehlung?” necke ich sie etwas.
“Ein Helles und nen Burger.” sie grinst.
“Ne!” entfährt es mir.
“Was ne? Was dann?” Sie ist erstaunt und überlegt ob sie mich weiter sinnieren lassen soll.
“Ne, alles in Ordnung, das ist meine Bestellung.” erwidere ich etwas überrascht.
“Du kannst wohl Gedanken lesen.” füge ich hinzu.
Mit einem unterdrückten Kichern dreht sie sich um und geht genauso geschwind wie sie gekommen war.