remissierte Rekonvaleszenz (3. Nacht …)

Montag, 14. September 2009 | 00:46 | ghost

… aus dem Leben eines verkorksten Hosentaschenphilosophen.

“Na, gefällt es dir?”
“Keine Ahnung?”
“Was gibt es zum Aussetzen?”
“Hm, das Bier is okay.”
“Ich bin eigentlich nicht zum Biertrinken hergekommen. Hast noch’ nen Schein?”
“Steck’s weg bevor ich mir damit was anzünde…”
Haffer stand auf winkte unscheinbar mit der rechten Hand, genug um eine Dame herbeitänzeln zu lassen, grinste sie und ihre Oberweiter an und klemmte ihr dann ein paar Kunstdollar ans Strumpfband. Die Lokalität war nicht gut besucht, obwohl das Personal recht ansprechend aussah. Aus meiner sicheren Entfernung zumindest, weil ich keine Lust hatte, den Mädchen Geld zuzustecken. Im Moment war mir auch nicht klar, wieso ich überhaupt mitgegangen war. Vielleicht der alten Zeiten wegen. Haffer drehte sich in meine Richtung und streckte beide Daumen nach oben.
“So wird das gemacht mein Freund!” er klopfte mir auf die Schulter
Das blonde Mädchen sprang an die Stange, die sie mit den Schenkeln umwickelte. Sie legte ihren Kopf in den Nacken, glitt langsam nach unten und lächelte uns zu.
“Siehst du, sie ist mir schon ganz hörig!” Hoffer, knallte seine Bierflasche an meine.
“Klar für 500 übernachtet die heute bei dir.” ich trank das Bier und kramte nach meinen Zigaretten.
“Willst auch eine?”
“Kann man hier rauchen?”
“Ob du das kannst weiß ich nicht, aber ich find meine Zigaretten sexier als das Rumgespringe hier.” Ich zündete mir eine Zigarette an, doch mein Kumpel winkte ab.
Tief sog ich den Rauch ein und versuchte Ringe zu pusten. In einem Bruchteil von einer Sekunde streifte mich der Gedanke, der Tänzerin, die breitbeinig vor mir auf der Bühne saß und sich ihrer Wäsche entledigte, ein Herzchen entgegen zu hauchen. Vielleicht kam aus Mangel an Zuneigung dann bloß eine ungeformte Rauchwolke heraus. Sie fixierte mich mit ihren Augen und man konnte die Zeit ticken hören. Die nackte Person spreizte noch weiter die Beine und warf mir ein Lächeln zu.
“Geiles Miststück!” Hoffer griff nach den Scheinen auf dem Tisch, machte zwei Schritte zur Bühne, beugte sich über, leckte mit seiner Zunge in der Luft und versuchte ihr mit langgestrecktem Arm die Scheine in ihr letztes verbliebenes Stück Stoff zu stecken. Erfreut kroch sie langsam näher dehnte leicht das Strumpfband und Hoffer steckte genüsslich die zwei Scheinchen rein.
Sie war keine drei Meter von mir entfernt und ich konnte ihre Schweißperlen deutlich auf ihrer Stirne erkennen. Wieder lächelte sie mich an.
“Was gibt es da zu lachen, von mir kriegst du keinen müden Cent!” dachte ich mir.
Hoffer johlte und klatschte sich in die Hände. Es sah fast so aus als wolle er weitertanzen. Die Nackte entfernte sich in rhythmischen Bewegungen.
“Die Mieze mach ich heute klar!” er hatte ein überhebliches Grinsen auf den Lippen
“Wie sieht es mit nem kleinen Tanz hinter der Bühne aus?” fügte er hinzu
“Ne, lass mal, keinen Bock. Viel privater geht es kaum!” antwortete ich recht emotionslos. In dem Lokal waren vielleicht zehn Gäste wobei der Großteil von ihnen an der Bar turtelte. Es verging eine Weile und Hoffer bearbeitet mich mit Bier und Sprüchen, bis ich breit im Ohr und Kopf war und eine private Vorführung bekam.
Ich war in einem anderen Raum wie Hoffer. Alles war recht spartanisch in dunklen Tönen gehalten und wirkte wie in einem Nebenzimmer von einem alten Theater mit den schweren Vorhängen. Ich wartete keine fünf Minuten als sich der dicke Stoff am Eingangsbereich zur Seite schob und überraschenderweise die Blonde von der Bühne hereinkam, die sich eigentlich Hoffer bestellt hatte. Sie kam näher in tanzenden Bewegungen. Die ganze Zeit starrten wir uns in die Augen. Im gedimmten Licht schwankte ihre Silhouette vor mir. Ich saß auf einem Stuhl und sie schwirrte um mich herum. Ihr süßer und lockender Duft kroch mir zähflüssig in die Nase. Vor mir stehend stoppte sie kurz und setzte sich dann auf mich. Jetzt erst bemerkte ich, dass die Tänzerin schon wieder nichts an hatte. Ihre Hände griffen fest in meine Haare und drückten meinen Kopf nach hinten und ihre Lippen kamen näher. Ich fand es etwas ungemütlich und insgeheim verfluchte ich Hoffer, nur die Schadenfreude, dass seine Mieze bei mir war machte die Situation etwas bekömmlicher. Mit ihrem Gesicht kam sie näher und flüsterte mir ins Ohr: “Na, was hättest du denn gerne?” dabei streifte ihre Nase über meine Wange.
“Nen Burger und ein Bier fänd ich gut!” erwiderte ich etwas distanziert.
Sie kicherte und begann mich zu küssen.

remissierte Rekonvaleszenz (2. Nacht …)

Donnerstag, 30. Juli 2009 | 08:52 | ghost

… aus dem Leben eines verkorksten Hosentaschenphilosophen.

“Hat was. Ich weiß nur nicht was.”
“Nur etwas viel Plastik!”
“Wie kommst denn auf Plastik?”
Langsam entfernten sich die wiegenden Schritte einer Frau die mit ihrem Hund unterwegs war. Das Licht der Laterne schimmerte auf dem hellen Stoff der wellend nur knapp den Oberschenkel bedeckte.
“Wein aus Bechern, wirklich ne tolle Idee von dir. Dann schon lieber gleich aus der Flasche.”
“Nur zu, auch wenn der Alkoholgehalt deine Schweinchensäuche nicht desinfiziert.” Ich war fasziniert von den rhythmisch klingenden Schritten, die sich in die Stille der Nacht verloren.
“Das sind nur ganz normale Halsschmerzen. Ich glaub ich hab ne Wodkaallergie. Willst du noch nen Schluck?” Prent hielt mir die Weinflasche hin.
“Ja, aber mach mal den Becher richtig voll.”
Prent füllte den Becher randvoll.
“Zufrieden?”
“Ja. Weißt was mein Vermieter gestern zu mir gesagt hat?”
Ich machte eine kleine Pause.
“Wo hast den denn getroffen? Will er seine Miete?”.
“Keine Ahnung was der um die Uhrzeit im Haus macht. Er meinte ich sähe aus wie ein Pfund Lumpen.”
“So falsch liegt er da gar nicht.” Prent stieß mir den Ellebogen in die Seite, dass ich fast den Becher fallen gelassen hätte. Ein kleiner Schwall Wein spritze auf den Boden.
“Na prima! Die nächste Flasche zahlst du.”
“Sorry.”
Vom Wasser her kam ein milder Wind der mit einem sanften Rauschen in den Park blies. Die Luft roch frisch und klar mit unscheinbaren Nuancen an Algen, Diesel und verschütteten Wein. An der Kaimauer blieben zwei Frauen stehen, deren Beinkleid etwas länger war, als bei der Hundeliebhaberin von vorhin. Sie tuschelten und sahen herüber.
“Hast noch nen Becher?”
“Ne!” Prent starrte in die gleiche Richtung wie ich, zur Kaimauer.
“Schade, dann können wir sie nicht zum Trinken einladen; deine Schweinchenpest reicht mir schon. Kannst ja nicht mal nen Wein ohne zu kleckern einschenken.”
Mein Schuh verteilte die restliche Pfütze von dem Rebensaft.
“Wie kam denn dein Vermieter dazu?” erkundigte sich Prent während er noch immer starrend die Frauen fixierte.
“Keine Ahnung, vielleicht weil ich fast die ganze Nacht an dem Buch weiter geschrieben habe und Alkohol mich auf eine gewisse Weise inspiriert.” Ich sah seinen starrenden Blick und er blinzelte fast kaum. Ich drehte meinen Kopf, um mich zu vergewissern, dass es nicht an seiner Seuche lag. Von gegenüber kam ein Kichern und sie tuschelten fleißig weiter.
“Hey, die macht sich lustig über dich!”
“Weil …”
“Weil du nicht normal aus deinem Becher trinken kannst.” erwiderte Prent, der anscheinend gefallen an den Zweien oder wenigstens an einer der Beiden gefunden hatte.
“Wie sieht es aus. Hunger?”
“Ja, da hätte schon noch was Platz.”
“Dann schauen wir mal ob sie unsere Gesellschaft erwidern wollen.”
Ich leerte die Reste aus dem Plastikbecher und ging dann zu den Frauen. Im näher treten wurden sie immer jünger und ich wollte schon kehrt machen, allerdings tauchte dann ein schelmisches bis spöttisches Lächeln auf den Lippen einer der Frauen auf, was mich in gewisser Weise herausforderte.
“Guten Abend die Damen. Bitte entschuldigt mein Aussehen. Mein Freund und ich liegen schon seit nem halben Jahr in dem Park und saufen die Tankstelle da gegenüber in regelmäßigen Abständen leer.” ich deutete zu der Leuchtschrift bei der Straße.
“So!” sprach der spöttische Mund. Beide fingen wieder zu kichern an.
“Wollt ihr eure karitative Ader entdecken und mit zwei Obdachlosen essen gehen? Er hat schon viel durchmachen müssen.” Ich nickte zu Prent rüber.
“Warum sollten wir?” sprach meine Herausforderung.
“Weil ihr zwei hübsche Frauen seid und bekanntlich kommt doch die ganze Lieblichkeit von innen und so weiter … und weil ich Hunger habe … und ihr uns schon die ganze Zeit auslacht …”
“Tun wir doch gar nicht.” der spöttische Mund klang sanft.
“Dann beweist es mal!”
Die zwei sahen sich an und zweifelten noch etwas.
“Kommt schon, ich kenn da einen Laden da gibt es ganz leckere Burger!”
Irgendwie provozierten mich ihre Augen, als ich ihr ins Gesicht sah. Ich griff nach ihrer Hand und es fühlte sich vertraut an. Ich zog sie leicht in meine Richtung.
“Kommt schon. Prent braucht unbedingt was zum Essen, sonst kippt er gleich von der Bank.”
“Okay” sie nickten beide.
Gemeinsam machten wir uns auf den Weg und ich bemerkte, dass Prent noch immer starrte; jetzt allerdings aus den Augenwinkeln und zwar auf die andere.

remissierte Rekonvaleszenz (1. Nacht …)

Mittwoch, 15. Juli 2009 | 18:01 | ghost

… aus dem Leben eines verkorksten Hosentaschenphilosophen.

Ich bin grade online und lese Bild.
“Tzz… Novela wer braucht denn so was?”
” … ach die Arme. Kopf hoch wird schon wieder…” entfährt es mir bedingt mitleidig.
Ich lass den Rechner weiter laufen, werfe mir eine Jacke über und gehe in das Lokal gegenüber.
“Nicht gerade voll hier, aber wer geht schon um halb 10 auf ein Bierchen in diese Pinte. Ich glaub ich bestell mir was zu essen; es sieht alles so aufgeräumt aus.”
Die Barhocker stehen gewunden in einer Linie, als würden sie sich gleich durch die große Scheibe schlängeln, wie eine klappernde Boa. Ich greife nach der Karte.
“Warum eigentlich?”
Die geschnörkelten Blumen aus dem Kartenrand verschmelzen geschmeidig mit der Schrift der Speisen und Getränke. Als ich den Kopf in die Karte gesteckt habe, höre ich Schritte näher kommen. Ich hebe den Kopf.
“Hm, kenn ich gar nicht!”
“Was darf ich dir bringen?” erklingt eine angenehme Stimme.
“Wo kommt denn die her?” denk ich weiter.
Ich mustere sie von oben bis unten.
“Blond nicht mein Fall, aber ein faszinierendes Lächeln.” stelle ich aus den Augenwinkeln fest.
“Bitte?”
“Getränk, Essen?”
“So, kann man hier was essen. Toll!” ein kurzer verschmitzter Blick in ihre Richtung.
“Ja, durchaus!” ihre Augen weiten sich.
“Schön grün… wie eine Wiese in die man einbricht, weil es keine Wiese ist sondern ein bewachsenes Moor. Schon komisch wie geduldig sie dasteht.” denke und mustere ich.
Ganz unverblümt starre ich sie an und warte darauf jeden Moment einzubrechen.
“Vielleicht ein Getränk?” ihre Lippen bewegen sich melodisch
“Ja, mein Essen, das ich noch nicht kenne macht bestimmt durstig. Oder würzt der Koch nicht gut?” antworte ich bewusst umständlich.
Das Essen hier ist recht lecker und die Burger zählen zu meiner Leibspeise; schön mit Chili dran.
“Ob sie da wohl draufkommt, dass ich total auf die Burger stehe?” überlege ich mir und meine Augen bleiben an ihrer Oberweite hängen.
“Hm, kommt wohl drauf an was dem Koch heute schon so alles widerfahren ist.” antwortet sie mit einem Lächeln.
“Ach und was ist dir heute widerfahren, ich hoffe nur Gutes.”
“Bedingt, ich war heute mit meiner Katze beim Tierarzt.”
“Und?” ich schaue wieder in die Untiefen ihrer grünen Augen
“Na ja, das Alter. Du weißt schon, mit jedem Jahr kommt ein Gebrechen mehr.”
“Tja, ich kann dir ein Lied davon singen. Bei mir kommen die nie alleine.” antworte ich mit einem mitleidigen Gesichtsausdruck.
Die Beleuchtung der Straße schwimmt zerrissen auf der Fensterscheibe. Die Tür wird aufgerissen und drei junge Leute stürmen durchnässt herein.
“Scheiß Wetter, wird wohl nichts mit der Sauftour.” sagt der erste der reinkommt.
Sie dreht sich kurz um und schaut mich dann wieder an.
“Wie lautet die Bestellung?” hakt sie nach.
“Wie lautet die Empfehlung?” necke ich sie etwas.
“Ein Helles und nen Burger.” sie grinst.
“Ne!” entfährt es mir.
“Was ne? Was dann?” Sie ist erstaunt und überlegt ob sie mich weiter sinnieren lassen soll.
“Ne, alles in Ordnung, das ist meine Bestellung.” erwidere ich etwas überrascht.
“Du kannst wohl Gedanken lesen.” füge ich hinzu.
Mit einem unterdrückten Kichern dreht sie sich um und geht genauso geschwind wie sie gekommen war.